Deutsches Rechtswörterbuch (DRW): Schultheiß

Schultheiß

, m., Schulze, m.
I ein Amtsträger mit zeitlich und örtlich unterschiedlicher Kompetenz, der idR. für die Gerichtsbarkeit über einen best. Personenkreis und die Verwaltung eines Amtsbezirks zuständig ist
  • 1 im langob. Recht: königliche Amtsperson (locopositus, rector loci) mit niederer Gerichtsbarkeit und militärischer Funktion in einem Unterbezirk eines Herzogtums (Schultheißei (I)); auch Vollstreckungsbeamter
  • 2 im afries. Recht: (adliger) Stellvertreter eines Grafen, der in einem über mehrere Bauerschaften reichenden Amtsbezirk die gerichtliche, administrative und militärische Gewalt ausübt; er hat Vorsitz und Vollstreckungsgewalt beim Schultheißengericht (I) und als Vertreter des Grafen beim Gauding, während der Asega als Urteiler fungiert; erhebt Bannbußen und Steuern
  • 3 in (nach-)karolingischer Zeit: königlicher Verwalter eines Königsguts; auch: formelhaft und unspezifisch in Aufzählungen königlicher Amtsträger
  • 4 ab staufischer Zeit: Reichsschultheiß, der die oberste Gerichtsbarkeit und die sonstigen Hoheitsrechte des Reichs (II) innerhalb seines Bezirks ausübt, insb. über Reichsgut und idR. in einer Reichsstadt; durch Verpfändung und Veräußerung des Amts sinkt der Reichsschultheiß allmählich ab zum Schultheiß (I 5) 
  • 5 Stadtschultheiß einer Frei- oder Reichsstadt; dem städt. Magistrat (I) verpflichteter Stadtrichter als Vorsitzender eines Gerichts mit örtlich unterschiedlicher Zuständigkeit; zT. auch mit militärischen und administrativen Aufgaben
  • 6 Stadtschultheiß als Stellvertreter eines geistlichen oder weltlichen Herrn; ua. betraut mit der Ausübung des Stadtregiments, der städt. Gerichtsbarkeit und bei der Einziehung der Abgaben; zT. Unterrichter und stellvertretender Richter eines die Hochgerichtsbarkeit ausübenden Burggrafen (II 1), in dessen Gericht er Urteiler an der Spitze der Schöffen ist
  • 7 mit richterlichen und administrativen Aufgaben betrauter Stellvertreter eines Landesherrn (I) in einem Amtsbezirk des herrschaftlichen Territoriums; im sächs. Recht: Vorsitzender eines Gerichts über die in einer Grafschaft ansässigen Bargilden und Pfleghaften; daneben: an der Spitze der Schöffen stehender erster Beisitzer auf der Urteilerbank im Grafengericht; er stellt die Hegungsfragen und nimmt die Stelle des Richters (II) ein, wenn dieser Recht verweigert oder selbst beklagt ist; reisiger Schultheiß im Amtsbezirk umherreisender Amtmann; bei geteilter Herrschaft setzt häufig jeder Herr seinen eigenen Schultheißen ein, von denen bei Gericht einer den Vorsitz hat, während der andere als schweigender (VI) Schultheiß passiv teilnimmt und auf die Wahrung der Rechte seines Herrn achtet
  • 8 Dorfschultheiß; Dorfvorsteher mit niederer (III 1) Gerichtsbarkeit und polizeilichen Aufgaben; nach sächs. Recht ist er zugleich Schöffe im Landgericht (I) (Beleg um 1300)
  • 9 grundherrlicher Verwalter eines Fronhofs (I) und Vorsitzender des für die Mitglieder des Fronhofsverbandes und für Streitfälle in hofrechtlichen Angelegenheiten zuständigen 1Hofgerichts (II); offen zu I 8; im Laufe der Zeit kann das Amt in ein Pachtverhältnis übergehen, der Schultheiß entrichtet dann für den Besitz von Amt und Hof Abgaben an den Grundherrn (Beleg 1370); die Bauern leisten dem Schultheißen Frondienste (Beleg 16. Jh.)
  • 10 im Gebiet der deutschen Ostsiedlung: Lokator (Siedlungsunternehmer) als Ortsvorsteher und die niedere Gerichtsbarkeit ausübender Richter (II) in der von ihm neu gegründeten Siedlung, die er gegenüber dem Landesherrn (I) vertritt; Inhaber eines erblichen Schultheißenamts (I) und eines damit verbundenen, in Erbleihe bzw. als Lehen (I 1) übertragenen Hofguts (I 2), für das der Besitzer zum Roßdienst bzw. dessen Geldablösung verpflichtet sein kann
  • 11 im Rahmen der Gutsherrschaft: vom Inhaber der Patrimonialgerichtsbarkeit als Ortsvorsteher und Dorfrichter eingesetzter Bauer; gesetzter Schulze iU. zum Erbschulzen oder Lehnschulzen; auf den preußischen Staatsdomänen: Verwaltungsbeamter mit richterlicher Funktion (Beleg 1748)
  • 12 in der schweizerischen Eidgenossenschaft: Stadtoberhaupt, Vorsitzender des Kleinen und Großen Rats und des Stadtgerichts (bis zur Abtrennung des Stadtgerichts vom Rat); in einer regierenden Stadt ist er zugleich kantonales Regierungsoberhaupt; in einer Landstadt ist er abhängig von der jeweiligen Landesobrigkeit; zT. fungiert er in Personalunion als Landvogt (I 3) (Beleg 1375); in den Direktorialkantonen Bern, Freiburg, Luzern und Solothurn während der Mediation: amtierender Schultheiß als Gesandter an die Tagsatzung (Bundesversammlung der Kantone); als deren Vorsitzender im jährlichen Wechsel ist er Regierungspräsident (Exekutivorgan) und vertritt als Landammann der Schweiz die Eidgenossenschaft nach innen und außen
  • 13 in der Kastellanei Brügge: Unterburgvogt; ua. mit gerichtlichen und Vollstreckungsaufgaben; auch als: vri scouttete 
  • 14 Judenschultheiß; Vorsteher einer Judenschaft (I) mit jurisdiktionellen, administrativen und fiskalischen Aufgaben innerhalb der jüdischen Gemeinde; häufig von der jüdischen Gemeinde gewählt und vom Landesherrn eingesetzt
  • 15 Regimentsschultheiß; rechtsverständiger Hauptmann (VI 1) als Vorsitzender eines Kriegsgerichts (I) der Landesknechte (I 1) 
  • 16 Zunftrichter, Richter einer Handwerkervereinigung; zT. ist er gleichzeitig Vorsteher der Handwerkervereinigung, Zunftvorsteher
  • 17 Vorsitzender eines Berggerichts
II Person in leitender Funktion
  • 1 Schulze bei Nacht Befehlshaber über eine Flottendivision bei der Marine, wohl urspr. nachts tätig
  • 2 in der Hierarchie des Gesindes: Oberknecht (I)