Deutsches Rechtswörterbuch (DRW): Kirchweihe

Kirchweihe

, f.

ahd. chiriwîhî, mhd. kirchwîhe, mnd. kerkwîe (-wige, -wihe); vor allem im alem. und ostfrk. Sprachraum reich belegtes Wort, im bair.-österr. neben Kirchtag, im rhfrk. neben Kirchmesse, wobei entsprechend der volkstümlichen Bedeutung der Sache vielfältige mundartl. Formen auftreten: alem. kilchwyche, kilwy (pl. kilwinen), kilbe, bad. kirbe, körwa, schwäb. kürbi, frk. kirbe, kyrbay, körwa, österr. auch kyrweg, chirchweich (zu weiteren Formen vgl. DWB. V 828f., Kluge20 371, SchwäbWB. IV 406, ElsWB. I 433f. u. II 805f., Skála,KanzleisprEger 338; zur Sprachgeographie vgl. Atlas der dt. Volkskunde NF. I Lfg. 10(1937), WBDVk. 414, RhWB. IV 514ff.)

I
I 1 Ausgangsbed.: (bischöfl.) Akt der Weihe eines Kirchengebäudes (Kirche I, 1Kapelle I) und die jährliche gottesdienstl. Erinnerungsfeier oder Patronatsfeier (Fest des Schutzheiligen)
I 2 schon früh mit Kirchweihe (I 1) verbundenes, nach der Reformation in den protestantischen Gebieten von seinem religiösen Bezug losgelöstes (und tw. verbotenes) Volksfest, während dessen Dauer ein Sonderfriede und eine entsprechende Gerichtsbarkeit bestehen und das mit vielfältigem regionalen Brauchtum ausgestattet ist; von Kirchweihe (I 3) tw. nur bei Aufklärung der lokalgeschichtl. Sonderentwicklung zu trennen
  • sind sy vͥberkomen von den kilchwichin wegen, das nieman manhafter der vnsern vsz vnsserm schloß noch statt vff dehain kilwichi nit gân sol denne ... des ablâss wegen, vnd wer dz braeche ..., der ist verfallen ... ain pfund haller dem schulthaissen
    1371/89? DiessenhofenStR. 37
  • [d. Lehenleute] sont uns iärlich an unser kilchwichen ein er tun mit ziger unn mit luker milch
    1379 Mohr,Cod. IV 18
  • so chundents auch, das niemant an der chirichweig ... schenkchen sol, wann man das liecht aufzunt pei der nacht, der ain gast ist
    um 1400 NÖsterr./ÖW. VIII 960
  • wie das si im vnd seinen gotshaus zu Welltenburg mit irrung vnd hindernuss täten an des rechten an zehent vnd annderm, vnd besunderlich an dem kirchträht zue S., die dann ierlich geuallen an der kirhweyhe, wie das im halber tail der kirchtracht zu gepurdet vnd der annder tail der der kirchtraht der pfare gen G., darüber hetten die obgenannten von S. sich der kirchträht vnderwunden
    1437 MBoica XIII 439
  • [am Tag der] kirchweich ... ist freiung ... umb erber sachen
    um 1450 NÖsterr./ÖW. VII 400
  • gericht gehalten zu Sarbrücken uff dutscher kirchwihe pulledag
    1466 Mesnil,StArnual 36
  • 1472 ToggenburgArch. 41
  • wir ordnen ... zu den kirwichinen kain gastung zů haben
    1479 WürtLändlRQ. II 670
  • ein fueder banweins hat die herschaft zu R. jährlich macht dahin zu legen uf ihr kirchwei ... den gibt man allwegs 1 dn. theurer
    1494 Würzburg (Region)/GrW. VI 50
  • 1496 Ladenburg 699
  • 1512 NÖsterr./ÖW. VII 993
  • further so wollen wyr, das du in deynem ambt in allen flegken vnnd doͤrffern, da nicht jarmargkt seyn, die kyrchwey vnd gastung gantz vnd gar verpietest
    1524 HessSamml. I 48
  • das och alle kilchwyhinen abgestellt werdint
    1530 deQuervain,BernRef. 195
  • 1532 AppenzLB. 1409 96
  • der kirchenweihe oder meßtage halben ...
    1543 Hessen/Sehling,EvKO. VIII 152
  • ist das gericht ufgeschlagen bis uf den montag nach kloppenheimer kerb 
    1554 WiesbadenGB. 54
  • 1555 BadW. 65
  • ob ... ain richter ... ain leitgeb wer, an der kirichwei ... ist er dess ungelt frei
    1560 NÖsterr./ÖW. VII 151
  • welcher in unserm land gestöß anfacht an kilchwichinen oder landsgemeinden oder vor gericht oder vor rat ..., soll ... fünf pfund haller ze bůß verfallen sin
    1564 GasterLsch. 59
  • als man jerlich auf den negsten tag nach der kirchwei, ... also uf den weltzeltag, pflegt ein malegericht zu halten
    1575 WürzbZ. I 1 S. 163
  • 1578 Kurpfalz/Sehling,EvKO. XIV 271
  • [es darf] niemand ... auf keine kirchweihe, die man kilby heißt
    1584/88 BaselJb. 1905 S. 105
  • 1592 DiedenhofenW. 29
  • 1593 DiedenhofenW. 114
  • wie dan ein frembder fuehrman, so er an der kürchweyh einer gemeind den anguß wie breuchlich bezalt, uf freyer gaßen ein ganzen wagen voll außzueschencken machthabe
    1593 WürtLändlRQ. I 172
  • es hat auch unser ... junker macht, auf die kirchwey ein fuder wein auszuschenken oder zu verzapfen ohne umbgelt, welches man den banwein nennet
    1595 SchriesheimW. 156
  • fürterhin sollen die kürchweihinen, gastereien, schießen ... nit ufgethon werden one erlaubnus und vergundung der oberkeit bei straff drei pfund heller
    um 1600 WürtLändlRQ. II 351
  • gibt auch ichliges haußgeseß 1 hane umb laudenburger kirbe 
    1602 SchriesheimW. 78
  • daß alle gastereien und zusamenlaufen der kirchweihinen fürter absein sollen
    1621 Württemberg/QNPrivatR. II 1 S. 509
  • 1635 DiedenhofenW. 117
  • bey jedesmaliger kirchweyh werden zween mann aus der gemeind bestelt, die im harnisch und gewehr gehen, sich derer, wann einiger zank oder schlägerey vorgehen solte, zu bedienen
    1673 BayrJbVk. 1959 S. 106
  • 17. Jh.? FrkBl. 12 (1960) 34
  • 1734 Siegl,Eger 135
  • nachdeme seine ... gnaden ... befohlen, daß die samtlichen kirchweyhen ... sowohl in choro als in foro auf den sonntag nach Martini ... gehalten werden solle
    1764 Würzburg/Schneidt,Thes. II 1793
  • [es sollen] die kirchweyhen für das ganze land auf den 3. sonntag im oktober festgesetzt bleiben
    1790 Konstanz/Veit-Lenhart 309
  • 1792 Hartmann,WürtGes. II 260
I 3
zur Kirchweihe (I 1 u. 2) stattfindender, dann auch allgemeiner Jahrmarkt, der durch Ausruf eines mehrere Tage währenden Kirchweihenfriedens gesichert wird; in den Quellen von Kirchweihe (I 2) tw. nur schwer unterscheidbar
  • ez sol auch kain gast kain versniten laeder verkaufen wan umbe saehzik unde druber, ane zem ostermarkte unde zer kirwihe so mag er ez wol verkaufen under saehzigen unde swie er wil, unde sol in des niemen irren
    1276 AugsbStR. Art. 19
  • eynung, ob yeman fräuell begat an offnen kilchwychinen vnnd jarmerckten
    1413 SchwyzLB. 16
  • 1434 Elsass/Hornschuch,Keßler. 368
  • 1455 Amberg/Lori,BairBergr. 47
  • den zol sol ain richter ... nemmen ... des möntag ... zu der chirchweich und ... zu dem kirchtag
    1485 OÖsterr./ÖW. XII 189
  • 1487 WürzbPol. 196
  • Ende 15. Jh. NÖsterr./ÖW. IX 486
  • wöllen ... wir, daß ... inlendig kramer fürohin auf den kirchweihen ... allain an den ainigen kirchtag und lenger nit dann bis auf die dritt stund nachmittag failhaben
    1553 Bayern/QNPrivatR. II 1 S. 233
  • an welichem ortt jm landt die kilwina old jarmairt sind, wer jn derselben kilchhöry older gegnny, da dan die kilwy ist, fraifnet, sol der grossen buss verfallen sin
    1559 AppenzLB. 1409 74
  • so einer vff der freyer kyrwe feyll hette vnd dem meyer nit vrlaub hette gheischen, derselb soll die buoss von sechzig blanckenn vnnd drey heller vermacht habenn
    1593 DiedenhofenW. 113
  • ein klein kirb oder jahrmarckh, der etwan drei oder vier stunden weret
    1617 Mittelrhein/RhW. I 1 S. 51 Anm.
  • eß soll auch altem herkommen gemeß alle kirchweyh maß und gewicht fleißig visitiert ... werden
    1666 WürtLändlRQ. I 103
  • wie in den staͤdten also pflegen auch in doͤrffern gewisse jahrmaͤrkte oder kirchweyhen gehalten zu werden, deren ... kirchweyh-schutz auch ein zeichen der territorial-superioritaͤt ist, vielleicht weil es bey kirchweyhen ohne schlaͤge und andere freveln nicht abgehet, die gestraffet werden muͤssen
    1705 KlugeBeamte I2 407
  • ist ... verordnet worden, daß kuͤnftighin nur denen im land angesessenen handelsleuten und kraͤmern die beziehung der gefreyten und anderen jahrmaͤrkten, auch kirchweihen gestattet ... werden sollen
    1759 KurpfSamml. I 573
I 4 an der Kirchweihe (I 1-3) stattfindendes Gastmahl und Gelage
  • 1515 WürzbRatsChr. 93
  • doch ist ... nicht verboten, daß ein pfarherr nicht dörfte kürbei halten und seine benachbarte collegas und gute freund zur kürbei laden
    1574 Oberpfalz/Sehling,EvKO. XIII 590
  • es sollen ... kirchweihinen, sewmägen und andere gastereien genzlich abgeschafft oder darinnen ein maß gehalten werden
    1587 WürtLändlRQ. II 651
II Handgeld, Daraufgeld bei Abschluß eines Kaufs, das an den Verkäufer zu zahlen ist (wohl abgeleitet aus der Bedeutung von Kirchweihe als Jahrmarktsgeschenk, vergleiche DWB. V 831 und Lexer I 1587)
unter Ausschluss der Schreibform(en):
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