Deutsches Rechtswörterbuch (DRW): Minne

Minne

, f.


I aus der urspr. Vorstellung der Zuneigung zu einem Menschen, die in Freundlichkeit, Hilfe und Verbundenheit zum Ausdruck kommt, entwickelt sich die Bedeutung der geistigen und geschlechtlichen Liebe, so daß das Wort durch das bedeutungsgleiche Liebe im Frnhd. verdrängt werden kann. In der Rechtssprache ist die urspr. Bedeutung bewahrt, der Aspekt des freundlichen Entgegenkommens im Ggs. zur Rechtspflicht betont

I 1 Zustimmung, Einverständnis, Gewogenheit, Entgegenkommen bis hin zur Unterstützung, tätigen Hilfe; gütliche Übereinkunft in einem Rechtsstreit, Vergleich, schiedsrichterliche Entscheidung, Schiedspruch; allein oder formelhaft mit Freundschaft (IV) oder Liebe (I u. IV)
  • geloven ok vele lude enem manne ene scult to geldene, unde untvan dat gelovede mer lude, swar men jeneme lestet, deme men gelden scal, oder mit sinen minnen maket, dar hevet men en allen gelest, den men it gelovet hadde
    vor 1270 Ssp.(Eckh.2)LR. III 85 § 2
  • kumt aver en wif in de gewere des gudes mit rechte oder mit eres herren minnen 
    vor 1270 Ssp.(Eckh.2)Lehnr. 2 § 3
  • [der Totschläger wird hingerichtet] ofte he moeste dat legeren an minnen des clegeres unde des oldermannes unde der ratmanne
    um 1270 Nowgorod(7 Fassungen) 80
  • daz dů minne mit ir wizende gesprochen werde
    1282 Oppenheim/CorpAltdtOrUrk. I 446
  • die [drei Vorgenannten] sunt besůchen, obe sú die missehellunge mit minnen und mit liebi berihten mugen
    1298 FreiburgUB. II 286
  • na dheme iare schal men ene wisen vt der stat he ne moghe se er weruen indes [!] stades minnen 
    Ende 13. Jh. LübMndStR. Art. 229
  • vnd suln diselben aht alle sache vnd chrieg die zwischen vns vnd vnseren dieneren sint ... mit minne vnd mit lieb verrihten
    1302 Kurz,Ottok. II 240
  • und wollt er dann icht angriffen, da suͤlen wir im minne nicht zulegen noch kain der unsern, noch husen noch hoven noch schirmen haimlich oder offenlich
    1340 AugsbUB. I 352
  • went de minne van deme herthoghen sproken wert vnde van vs in beyden siden fultoghen wert
    1342 MecklUB. IX 394
  • das si [Ratleute] mit den selben lůten [die die Juden erschlagen haben] teidingen můgen mit der minne, oder wie es in aller beheglihst vnd allernuczlihst ist, vnd das sol vnser gut wille sin
    1350 BreslUB. 178
  • [wer die Regeln verletzt, hat nicht mehr die Erlaubnis] sin gůt ... in sunte Peters hof to bringende eder to comende, he ne hebbet an sante Peters minnen 
    1361 Nowgorod(7 Fassungen) 149
  • 1377 GarzStB. 2
  • vnd sol da der gemain vnd die, die zuͤ im gesetzt werdent, ain minne da versuͤchen; vnd wa der minne in zerrinnet, da sullen si ez vsstragen mit ainem fruͤntlichen rechten
    1381 WürtVjh. 4 (1881) 5
  • so en sal gein meister eins anderen meisters gemieden knecht halden, hei en si dan mit minnen ind mit vruntschaf van sime z'irst gescheiden
    1397 KölnZftUrk. I 9
  • [kann jemand seine Schulden nicht bezahlen] soe sal men den clager toepeynden alle zyn huysraedt, ... ten sy saeck dat die clagher mit myn met hem lyden wil
    1456 SneekStB. Art. 62
  • diese schiedsrichter vereint trachten den streit [zwischen Kantonen] in der minne und auf dem pfad der vermittlung beizulegen
    1815 QbSchweizVG. 209
I 2 formelhaft in Vbdg. mit Recht entsprechend lat. per amorem vel per iusticiam: mit Minne oder/und mit Recht, nach Minne ohne Recht Bez. für die vor und neben dem ordentlichen Prozeßverfahren bestehende Alternative des außergerichtlichen Vergleichs, sowohl des gütlichen Vergleichs der streitenden Parteien untereinander als auch des für alle Parteien bindenden Schiedsrichterspruchs; nach der Beleglage des DRW jedoch häufiger für ersteres; für das erste Glied können synonym auch Liebe, Freundschaft, Hulde, 1Gunst, Güte ua. stehen; zu Minne und Recht erkennen einen verbindlichen Schiedsspruch fällen; weitere Wendungen vgl. Lasch-Borchling II 983
vgl. Minnung
Sachhinweis: HRG.1 III 582ff
  • er wolde mit rehte unde mit minnen siner unschulde dich innen bringen
    Mitte 12. Jh. GenesisM. 84
  • ich wande varn von hinnen / mit rehte und ouch mit minnen 
    1200/20 GottfrStraßb.(Weber) V. 6404
  • [der Vasall] mut binnen ses weken sine man mit lenrechte dwingen, dat se dat [unrechtmäßig weitergegebene] gut weder an ere were nemen, unde jeneme sine were breken mit minnen oder mit rechte, de it ane lenunge hevet
    1224/35 Ssp.(Eckh.2)Lehnr. 59 § 4
  • of se twene op en gut spreken na deme drittegesten, jene, de it under eme hevet, de ne scal it nemanne antwarden, se ne verenen sek mit minnen, oder er ene wise den anderen af vor gerichte mit rechte
    1224/35 Ssp.(Eckh.2)LR. III 15 § 1
  • um 1230 MühlhsnRb.2 133
  • gibit he [der mit Mordbrand droht] umi [dem Opfer] dan dicheini rechti undi redelichchi scult, die sal he umi abilegi nach minnin edir noch rechti
    um 1230 MühlhsnRb.2 172
  • daz die sehs man nah rehte vnd minne gæinbærren vnd svͦnen alsi siz vber eîn kommen
    1251 Konstanz/CorpAltdtOrUrk. I 26
  • darumbe sol graue C. deme marcgrauen minne alder reht tůn
    1265 Freiburg im Breisgau/CorpAltdtOrUrk. I 143
  • wir svͤlen vͦch allen vnsers herren lævten vnd die er versprechen sol, nach der drier rat, minne vnd reht tvͦn
    1272 MWittelsb. I 253
  • chvͦmt der [der den lantfride stoͤren wil] zu dem tag auf minne vnd auf reht, als im der landesherre geit vnd gebiutet, so sol man im des gvnne, mag er mit minne oder mit reht ledich werden vnd abchomen
    1281 Österreich/CorpAltdtOrUrk. I 404
  • uszurichtene all sulchen schaden nach minne oder nach recht
    1282 Eberstein2 I 18
  • ist daz daz sie sich niht vereinen mugen, so suln sie kiesen einen mittelman, der sol der minnen vnd des rechten gewaldic sin
    1289 MWirzib. II 11
  • da sulen wir baidenthalben ein ander unverzogen reht tun oder minne, als di schidelout oder der uberman, di wir baidenthalben dar uber nemen, uber ein choment
    1292 FRBern. III 538
  • swaz diselben zwelve old der merteil under in gesprechent ze minnen old ze rechte, daz sol stette sin
    1295 FreiburgÜRec. I 167
  • worde ok iennich tweyginge ... an dussen dingen ... dar hebbe we to gesat twene vse riddere, vnd ver man van der oldenstad, vnd v man van der anderen partie, de hebbet gelouet vnd gesworen, dat se dat vorscheden an minne eder an rechte
    1299 BrschwUB. I 21
  • so we ghe ladet wert vor den olderman in de banch vmme claghe, dat schal man dar vnt weren mit minnen oder mit rechte
    1299 LübUB. II 84
  • ob ein man in der stat ist, der einem andaern mann haz und feintschaft trait und weder reht noh minne von im nemmen wil, daz der rihtaer mit rat und mit hilfe des rats in der stat den, der weder minne noh reht wil, mit guͤten dar an bringe oder mit twanchsal dwinge, daz er daz reht nem und diser an sorgen beleibe
    1299 PassauStR. 173
  • wer aber daz den hertzogen von Osterriche in Swaben gewalt, oder vnrecht geschech, daz suln si mit chlage für vns bringen, so suln wir in minne oder reht helfen
    1312 Kurz,Fried.d.Sch. 425
  • wyr, dat emande vnses suagers her H.v.M. viant wolde werden, darvan wi eme scolen helpen minne, di eme behegelic is, edder rechtes
    1312 MecklUB. V 621
  • wer auch das under uns vorbenanten drin herren zwene wurden ze kriege, so sol der dritte maht und gewalt haben dar under ze tedingen nach minne oder nach rehtte und des suln sie im gehorsam sein
    1316 MGConst. V 314
  • vns tbescheiden mit recht, minne of vp gevuyg
    1318 Nijhoff,Ged. I 172
  • sole wi greve R.v.V. macht hebben to richtene in unses heren hertochrike ... mit minne ofte mit recht mit willen des clegeres
    1319 MGConst. V 444
  • kan he [Vermittler] der minne nicht vinden, so scal he vns vntscheden mith recthe binnen der suluen tith, vnd dad schole wy eyn beyden sciden stedhe holden
    1323 MecklUB. VII 136
  • wie die [Schiedsrichter] uns scheydint eyndrechtliche mit minnin abir [!] mit reythe, des solle wir gescheydin sin umme sollich gůt
    1326 DOrdHessenUB. II 369
  • sa hwersa twa liava to hape comath, urthiucht thenne ahwedder hiara or, hit ne se thet hia se mith minnon tha mith riuchte sketh, sa sent twintich merka to bote and hundred merka to fretha [wenn zwei Liebende eine Ehe eingehen, und einer von ihnen beiden dann den andern verläßt, es sei denn, daß sie in Güte oder im Wege Rechtens geschieden seien, so sind zwanzig Mark als Buße und hundert Mark als Friedensgeld zu entrichten] 
    1327 RüstringerR. 150
  • [Schiedsspruch:] vnd wir [dri ratman] vns des anegenomen han zu verychtene, ... nach minen vnd vruntscheffen, ane recht, vnd sullen sie beidersite halden ... die sune, die wir sprechen eyndrechteclichen
    1329 CDRhMos. III 1 S. 280
  • desse vorebenomeden land vnde man scole wy beyde hegen vnde vreden tho minne oder tho rechte wedder alle de genen, de se anuerdegen oder vorvnrechten
    1332 MecklUB. VIII 304
  • O.G. ist diu stat verpoten zwai jar fuͤmfe meile hindan und er sol mit den herren ze W. niht ze schaffen haben dann mit minne und reht und hat urfehe gesworn
    1336 NürnbAchtb. 52
  • [einen Zwist unter zwei Erzbischöfen] sol der dritte under uns, der dan des nit zu dune hat, mechtig syn zu richtene mit der minne unser wissen, oder mit dem rechten ane unser wissen
    1339 CDRhMos. III 1 S. 400
  • [Schadensersatzforderung] und mir beide teile dar umb hant gewalt geben minne und rechtes
    1353 FRBern. VIII 12
  • [Aufzählung der Schiedsrichter] den wir mynne und rechtes gewalt gegeben han und die auch die sůne und die richtunge uzgesprochen und besaget hant
    1384 DOrdHessenUB. III 166
  • moͤcht aber dehainost diu [streitige, durch je zwei Personen zu schlichtende] sach mit der minne nit verricht werden [so soll unter Zuziehung einer fünften Person entschieden werden]
    1390 EßlingenUB. II 311
  • dar ůmbe erkennen wir zu mynne vnd recht
    1409 RappoltsteinUB. III 10
  • so haben wir ... einen früntlichen tag gesetzet gan W. ..., das wir si dann in der minn oder mit ünserm rechtlichen spruch entscheiden
    1447 GasterLsch. 409
  • wie ein mann sein clage vf den ersten tagh thuet, alsso soll er sie vss füeren, mage er ine nit ansprechen erlassen, dan sol der antworter dye mynen nemen vf den ersten tage; wilt er mit ime dingen, so soll er ime die mynen vffschlagen binnent den viertzehen tagen
    oJ. Untermosel/GrW. II 330
I 3
formelhaft: Minn und Schin/Schied im Bergrecht: gütliche Einigung und Grenzscheidung
  • [treffen zwei Stollen aufeinander] daselbs sol geschehen minn und schid in drein tagen durch ain gesworn schiner
    1486 Puntschart,QGGörzTirolBergR. 495
  • der schiner soll schwern ... daß er, wo im durch den pergkrichter myn und schyn, es sey auf rechtlich erkandnuß oder guͤtlich zu geben, ... befolhen, ... daß er dasselbig nach vermuͤg unnser bergwercks-ordnung [tun soll]
    1532 SalzbBergO.(Lori) 202b
  • 1532 SalzbBergO.(Lori) 212a
  • verfuer aber ainer an das pyrg, oder vndersich [!] so tieff, daß er dem andern in seine rechten khaͤm, und im derselb begegnet; so soll alsdann mit myn und schyn zwischen in gehandelt, und ain jetwederer in sein maß ... widerumb getriben werden
    1532 Lori,BairBergr. 236b
  • 1532 Lori,BairBergr. 210a
I 4 in Verbindung mit Verben:

I 4 a an js. Minnen bleiben sich dem Belieben eines anderen fügen
I 4 b nach Minne(n) gelten nach Belieben, Gutdünken ersetzen, vergelten
  • wat emme wert ghesat oder gheleghen, vorlust he dat, dat mot he ghelden na minnen oder na sinem werde
    1. Hälfte 14. Jh. GoslarStR. III § 175
  • swenne ein man sinem herren von dem er lehen hat sins rosses lihet ... al die wile unde daz der herre inne hat wider des mannes willen, unde imz niht wider geben wil, oder imz nicht giltet nach sinen minnen, die wile ist der man dem herren niht phlichtic ze dienen
    oJ. Schwsp.(R.) Lehnr. 13
II eine Gabe, hier: eine Abfindungssumme als Zeichen des Friedenswillens oder als Mittel, den Frieden herzustellen
  • and tha federia alsadene minna te retzia bi asega wisdome, thet hira sibbe vnslitande se [und dem Vatersbruder hat das Kind nach dem Spruch des Asega eine solche Abfindungssumme zu geben, daß ihr Verwandtschaftsband keinen Schaden nehme] 
    um 1300 HunsingoR. 34
III im Amberger Bergrecht eine Art des Lohnes, wohl entstanden aus einer freiwilligen Gabe
  • dauon [bestimmte Menge eysen] soll man geben zu lohn, denn schmiden 42 dr. und 36 dr. zu muͤne, denn zerrinnern 36 dr. zu lohn, und 24 zu muͤne 
    1387 Amberg/Lori,BairBergr. 68b
  • wer aber desselben eysens die wochen mehr werkht, denn 60 schin, was er sein dann dieselben wochen gewekht hett, dauon soll er im muͤnn und lohn geben, alls vorgeschriben ist ... es soll auch niemandt denn muͤnn und lohn nitt bessern, weder mitt geben, oder mitt geheissen, noch mitt vertroͤsten
    1387 Amberg/Lori,BairBergr. 69a
  • einem schmidknecht soll man zu lone von yedem pfund schynn vnd ein ganz jahre zu der mynne nicht mehr geben, dann zwen und vierzig pfening, vnd zu der mynne nichts uͤber ayliff pfunt pfening, vier grosch zu trinckgelt
    1464 Amberg/Lori,BairBergr. 79
unter Ausschluss der Schreibform(en):
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