Deutsches Rechtswörterbuch (DRW): Rache

Rache

, f.

zum ae. Wortfeld vgl. Bosw.-Toller 1268f., frnhd. auch m. rach 

I gewaltsame Rechtsverfolgung als Form der Selbsthilfe einer Person, der vermeintliches oder wirkliches Unrecht angetan wurde (daher häufig Verzicht auf Rache in Urfehdeformeln); als Ausübung von Gewalt setzt Rache Wehrhaftigkeit voraus und ist daher Frauen, Geistlichen usw. verwehrt; eine Bedeutungsverschiebung zu Strafe ergibt sich aus der Ausübung der Rechtsverfolgung durch eine andere Instanz als den Geschädigten (Obrigkeit, Gott); die rechtliche Bewertung der Rache wandelt sich mit der Inanspruchnahme des Monopols legitimer Gewaltausübung durch den werdenden Staat
vgl. Fehde (I), Feindschaft, Sühnevertrag
  • gif hwa wrace dó, ærðon he him ryhtes bidde, þæt he him onnime agife ⁊ forgielde ⁊ gebete mid xxx scill. [wenn jemand gewaltsame Rechtsverfolgung übt, ehe er sich Recht (gerichtlich) erbittet, gebe er, was er von jenem (Gegner in Selbsthilfe) fortgenommen hat, zurück und zahle (ihm dessen Werth) nochmals und büsse (dem König) mit 30. Schill.] 
    688/94 (Hs. um 925) Liebermann,AgsG. Ine 9
  • uuallandi stêt thînes brôðor uurâca bitter an helli
    2. Hälfte 9. Jh. (Hs.) GenesisAs. V. 79
  • gif he þonne mann ofslea on þa wrace, beo he his feores scyldig ⁊ ealles þæs þe he age, buton se cing him arian wille [wenn er aber einen Mann erschlägt bei dieser Rächung (des Diebes), habe er sein Leben verwirkt und alles was er besitzt] 
    925/40 (Hs. Mitte 11. Jh.) Liebermann,AgsG. VI As 1.8
  • er wolt die sculde wellen ûf sîne gesellen, / er wânt sô inbrâste der sculde râche 
    1060/80 GenesisW.(Smits) V. 396
  • gif hwylc man for his mæges wræce [in ultione propinqui] man ofslea
    oJ. Bosw.-Toller 1269
  • in dero hello da ist dot ane tod ... diu hertiste râcha, der handegóste úrsuoch, daz serige elelentduom
    Ende 11. Jh. KlAhdSprDm. 154
  • uindictam rache 
    11. Jh. AhdGl. I 528, 58
  • fulmen vvráka éndigiuuáld
    11. Jh. AhdGl. II 578, 14
  • nu sende uns, herre, ain liecht, / daz wir di rache da genemen! / du scolt uns sigenunft geben: / sent uber si dinen zorn
    um 1172 PfaffeKonrad(Wesle)2 V. 6994
  • sîn winster hant den schilt treit, / ze schermen, der unschuldic ist, / unt der âne valschen list / râche uber sînen vîent gert
    Ende 12. Jh. Konr.v.Fußesbr.(1973) V. 595
  • ob daz iman versmahet zetůn der sol liplicher rach underligen
    Mitte 13. Jh. Selmer,RegSBened. 165
  • swenne der bischof einen voget gesezzet, so sol ime der keiser setzen das da heiset der ban, das ist die rache mit dem swerte
    um 1295 StraßbStR.(Ro.) 33
  • dat wi ... rechte wrake ghewinnen van der moert, die gheschiede an onze[n] lieuen neue
    1299 Holland/CorpMnlTekst. I 2680
  • mit grozen zarnen screy se sidher / und bat ober dhen mordere wrache, / dhe iren vater sunder sache / hette gemordet und irslagen
    Ende 13. Jh. BrschwRChr. V. 6436
  • dat riocht holpt dam, deer him selff naet holpa ne mey, hit scepth wreke op dae schilde ende beschirmt da onsciolde [das Recht hilft dem, der sich selbst nicht helfen kann, es übt Vergeltung der Schuld und beschirmt die Unschuld] 
    13./14. Jh. (Hs. 1464) WesterlauwersR. I 246
  • scal nement mit unvoghe eder mit wrake tokomen, wenne mit vruntliker scedinghe
    1330 HHildeshUB. IV 601
  • allet dat ju overgan is, dat is godes wrake 
    1335 ZHambG. 49/50 (1964) 38
  • so vrage, na deme dat de dode dar jegenwart si unde he des mordes bekant hebbe, oft he icht liden scal enes morderes dod. so vintme, mach he selfsevende bewisen, dat it van ungelucke tu komen si unde dat he vor nene wrake mit em ne hadde, so scal he geven des doden wergelt
    um 1335 RichtstLR. 44 § 3
  • wilg buorger, de verkuoyrt wirt, der geyn, deme he gegeven wirt ende da he af verkuoyrt wirt, noch sine vruont, dye ensolen da egeyne wraoyge duon, si enhayn zeyrst den ... rygtere gebeden, dat he den man mane in sinen kuoyr
    1338 Loersch,AachRdm. 52
  • wat deme lemanne dann af queme, da sal aychtermailz geyne wraichge af komen
    1341 Ennen,QKöln I 33
  • also dat ek eder nemend van miner weghene ... des nene naclaghe noch wrake noch navorderinge don enscal uppe den rad ... van H.
    1344 HildeshUB. III 698
  • doe yemene doot steket met eenen knive, die heere es sculdich wrake daer of te doene, als van eenen mordadegen moreslach tegen man
    1. Hälfte 14. Jh. ChartPierreGand I 343
  • [Vereinbarung] dat alle schicht, vnwille, krich ... scullet ... gesonet wesen ... ane allerleie nawijt vnd wrake 
    1388 BrschwHzgUB. VI 233
  • daz wyr ... vmb dy vorgenanten sachen, krige, zwidracht ... keyne manungen, schulde vnd wrake nicht haben wellen
    1389 CDBrandenb. I 23 S. 128
  • wes juwe daran wedervaren sy, des wil gi und scolen in arge nummermer gedenken, noch met veyde oder wrake, noch met ungerichte oder met rechte
    Ende 14. Jh. BerlinStB. 1
  • seit vndertenig aller menschlicher geschepft vm got, es sey dem kunig, alz dem vorgeer, es sey den herczogen, alz den gesanten von ym, zcu der rache der vbeltater, wan zcu dem lob der guten
    2. Hälfte 14. Jh. 1. Petr. 2, 14/CTepl. III 10
  • huuersa ma ene rawere ieftha ena thiawe sin god binome, thet hi vmbe ene riuchte wretze nimen hede and ma hine termithe birawede, thribote ieftha thririuchte, huuande hit mith sine eine halse bineth hede [wenn einer einem Räuber oder einem Dieb sein (geraubtes oder gestohlenes) Gut (wieder) abnimmt, er es (also) in rechtmäßiger Vergeltung an sich genommen hat, und man ihn dessen wiederum beraubt, so erfordert das dreifache Buße oder die dreifache Zahl der Reinigungseide, weil er den eigenen Hals dafür gewagt hatte] 
    14. Jh. EmsigerR. 98
  • scal unser wrake nicht entfleen
    14. Jh. Mensing
  • daz her nummer wrake noch rede sal haben, daz her in den stok hat gesessin
    um 1400 LübbStB. 31
  • alle recht ropt vnde de decretal, dat men macht myt crachte scal weren nicht dorch wrake stiff, mer to beschermende io dat lijff
    um 1400 Der Leyen Doctrinal 196
  • wurde ouch yemand gehindert, der des todes vorschult hette ... mit dem mechten sie das halden oder eynander wrach oder tode anlegen, wie in das nutzlich ist
    Anf. 15. Jh. BeitrGoslar XII 54
  • mar wort een meeneedich van sculde bevonden, dat wijstmen tot veel steden te staen tot godliker wraken 
    Anf. 15. Jh. BrielRb. 207
  • das sy ... des fürbas kain rach, ungenad, noch entgeltnus nicht haben ... söllen
    1401 BairFreibf. 54
  • ter bescermenesse der goeder menschen ende tot der vrese ende wraec der quadyen
    1401 Fruin,Dordrecht I 1
  • my, den steden unde copmanne to wrake unde to schaden
    1408 OstfriesUB. I 181
  • dat nyemant ... omme der voirscreven saken ende dat dairan cleeft, die van E. mijsdoen ... en sall ... noch gheenrehande wrake op henluden dairomme doen en sall
    1413 AmsterdamRbr. 138
  • nement van dessen delen schal den anderen ... darumme haten, veyden, hinderen, beschedegen, uteren offte jenigerleige wrake don
    1433 BremUB. V 557
  • alse ... J. dat ervor unde in der sulven nacht darover to vrake quam
    1440 HildeshUB. IV 290
  • wenn her ... wittwen vnd weisin gefangin vnd geschatzt hat, die bys an desin hewtigen tag rach obir jn schreien
    1463 UrkGeschBöhm. 311
  • hweeromme is dat riocht set? ty frucht der wreke, binde dine durga fanda lust der sunda, bischirma dae onschiolda ende sceppa dae wreke [weshalb ist das Recht gesetzt? Zur Furcht vor Strafe, um den Törichten von der Lust zur Sünde abzuhalten, die Unschuld zu beschirmen und für Vergeltung zu sorgen] 
    1464 (Hs.) WesterlauwersR. I 58
  • na der tyt salmen den misdader niet haten, off sonderlinge wrake an doen
    1470 Richth. 275
  • folget hij fora, so is't neen warenderhand, ende aeck neen riuchtfirdich stryd, ende so is 't wreek 
    1480/81 JurFris. II 146
  • der gewalt ist auch darumb von got herab gegeben, das man den prauch zu rauch der ubeltaͤtigen und zů lob den gůten
    1481/83 NördlingenStR. 154
  • daer vrede ghenomen es tusschen partien, eest dat yeman die niet maech en es, noch ten vrede en behoert, op wrake ocht op ocsuyn van der eenre partyen yemanne van der ander partien sleet ... hi zaels ghelden ... xxx. lib.
    Ende 15. Jh. (Hs.) DiestKb. 26
  • ob ain man feintschaft hiet, den soll man an derselben prinenten stat nichts rachs zusuechen denselben tag und nacht
    2. Hälfte 15. Jh. NÖsterr./ÖW. VII 917
  • is dat iummend mit ouerdadiger drysticheid hiir entegen deyd edder begynned, de schal an vnse vnhulde vallen vnde schal ok vnse vrake nicht entfleen
    15. Jh. ApenradeSkra S. 175
  • wair dat sake, dat yemant ... enige wrake op dede, dat sal die here richten als geweldelike saken bi den gerecht
    um 1500 Fruin,KlSteden II 46
  • ende bidde alle onse vrienden ende magen die hier zijn ende niet en zijn, dat zy ons helpen gedincken onser zwaerer armode ende ons groot verlies, tote dier tijt toe dat wy hebben wrake of bate, ende liever wrake dan bate
    Anf. 16. Jh. (Hs.) VerslOudeR. 1 (1885) 318
  • das nůhinfuͤr zwuͥschen den ... parthyen und iren fruͥnden ... soͤlicher mißtat halb ... aller unwill, rach, vechd und vyntschaft worten und werken halb erloͤschen ... soͤlle
    1502 BernStR. VII 1 S. 375
  • [bei Ehebruch:] er mag ... das eebrechen straffen vnd rach seins eygen schmertzen bitten
    1518 Klagsp.(Brant) 133v
  • das eyn christen sol also geschickt seyn, das er ... nicht sich selb reche ... aber fur andere ... sol er rache, recht, schutz vnd huͤlffe suchen
    1523 Luther(Clemen) II 374
  • es gibt die schrift zeugniß, daß die gewalt (autoritas,) eine dienerin gottes, zur rache der uebelthäter ... von gott eingesetzt sey
    1529 Ochs,Basel V 723
  • umb todschleg clagt by uns kein mansperson, sonders ein wibsbild ... dann by uns [herrscht] der bruch, so ein inländischer in unserm land, der ein mansperson wäre, clagte, so möcht er nit rächen, dann die inländisch person, so das recht volfüert, hat kein raach; darumb stat allweg ein wibsperson dar ze clagen
    vor 1532 SchweizId. VI 87
  • unser herr got spricht: las mir die rach! ich wils vergelten [Deut. 32, 35]
    1533 Franken/Sehling,EvKO. XI 222
  • weiter spricht Christus: wer zu seinen bruder sagt: racha, das ist: wer zorniglich gegen ihm murret, das mans an seiner stim und an seinen geberden merkt, das er mit ihm zürnet, der ist schuldig des rats [Mt. 5, 22]
    1533 Franken/Sehling,EvKO. XI 222
  • wenner eine burschop lude ... van oren veltnabers ... bespottet vnde beschimpet, frantzosen vnde ander bose wrake gefloket [werden]
    1544 Dittmer,Sassenrecht 53
  • dann urblützlich wirt kommen sein zorn und in zeit des rachs dich zerstreuen
    Mitte 16. Jh. SatirenRef. III 292
  • gleicherweis soll er [richter] auch gegen den, so ihn heimlich ... geschmäht hette, kein stroff für sich selbsten vornehmen, damit er nicht verargwohnet werde, er wolle sein selbst aigene rach hierinnen suchen
    1555/77 MHungJurHist. IV 2 S. 105
  • die lasterhafften sollen sie [richter] aber straffen, und über sie rach üben, darumb ihnen auch gott der herr das schwert gegeben
    1555/77 MHungJurHist. IV 2 S. 105
  • demnach ock dersulvigen in beiden siden ... in gar keine wise, darut einigerleie unwill, schade edder wrake entstaen konde edder mochte, nicht gedencken, wreken noch ivern sollen
    1564 HolstVierstUrt. 313
  • wann einer, welcher sein leben muthwilligen todtschlags halber oder sonst verwirkt hat, ausweicht; alsdann soll die rache oder strafe in sein guth nicht gelangen
    1583 HadelnLR.(Spangenb.) V 25
  • zwischen der notwehr vnd rache ist vnterscheid
    1583 SiebbLR. IV 3 § 5
  • wente gelick alse se [gelerde luͤde unde frouwes-volck] an nemande sick wreken moͤten, so is ock andern de wrake wedder en vorbaden
    1593 JütLow.3 II 26 § 4
  • söllen söliche fal zu erkantnus, raach und straf der hochen oberkeit sthan
    1614 BernStR. VII 1 S. 375
  • wan es vmb rächtsuertigung eines thotschlags zethůn vnd alsdan der entlybten fründ sich des rechten vnd der rach entzüchend vnd dieselbe vns v̈bergebend, so wöllend wir denselben ... keynen costen werden laßen
    1620/21 BruggStR. 252
  • diewyl nun ... die hochengricht mynen gnedigen herren und oberen zůstendig, die rach ouch ir gnaden von gemelts K.s seligen verlaßner wittib ... bevolchen worden
    1637 BernStR. III 429
  • gelobe ... ich ... daß ich weder an der grund- noch landgerichts-obrigkeit ... oder sonsten jemands andern ... auff keinerley weiß noch weeg einige gewalt noch rach ... der mit mir vorgehabten gerichtlichen handlungen halber suchen ... wolle
    1656 NÖLGO. 1656(CAustr.) I 56
  • der unterscheid zwischen der straffe und rache bestaͤnde also darinnen, daß erstlich die straffe im buͤrgerlichen stande, die rache aber unter denen, die im natuͤrlichen stande lebten, statt habe
    1741 Zedler 30 Sp. 482
  • faustrecht und eigene rache wider gott
    1747 CCBrandenbCulmb. II 1 S. 576
  • meineyd ... ist dasienige verbrechen, da iemand vorsetzlicher und boshafter weise wider das, was er eydlich versprochen, handelt und also nicht nur die schuldige verbindlichkeit nicht erfuͤllet, sondern auch in die gerechteste rache gottes faͤllet
    1762 Wiesand 728
  • da auch niemand sich selber recht schaffen noch rache ausüben darf, so kann es von ersetzung schadens und kosten nicht befreyen, wenn etwa der beleidigte zum streit zuerst anlaß gegeben und damit angefangen hätte
    um 1772 Pufendorf,HannovLREntw. Tit. 50 § 6
  • die alten deutschen uͤberliessen dem beleidigten ehemann die rache, welcher gewoͤhnlich die ehebrecherin aus seiner wohnung stieß, und aus der ganzen ortschaft mit schlaͤgen jagte
    1783 Quistorp,GrundsPeinlR. 857
  • deutlich erkennen die gesetze dieses recht der nothwehr ... an ... aber sie bestimmen auch genau die grenzen derselben, damit nicht rache und unerlaubte selbsthuͤlfe unter diesem vorwand der straflosigkeit sich erfreuen koͤnne
    1798 Grolman,KrimRWiss. 110
  • haͤtte der thaͤter bey dem brande bloß die absicht gehabt, rache zu nehmen, oder schaden zu stiften, ... so ist nur ein bloßer brand vorhanden
    1803 RepRecht XI 4
  • die rache ist eine vorsaͤtzliche begierde, das uns angethane unrecht eigenmaͤchtig zu ahnden, und den beleidiger auf alle nur moͤgliche art zu verfolgen
    1805 RepRecht XII 165
  • die rache wird hiedurch, daß sie als positive handlung eines besondern willens ist, eine neue verletzung
    1821 Hegel,PhilosRecht 102
  • mit derselben [hohen] strafe wird ... rache an einem oͤffentlichen diener wegen einer amtshandlung desselben belegt
    1831 Mohl,WürtStR. II 234
II
übtr.: Gericht Gottes
  • der tach der da "rache" ist gehaissen ist, swenne der mensche sehn sol an dem ende daz er die geschefnusse liber hat gehabt dan sinen schepphere. daz wil got rechen
    Anf. 14. Jh. AltdPred. I 7
III "Buße, Versöhnung" (nach MnlWB. IX 2849)
  • in wraken willense ooc een canesie maken van xx nonnen ewelike vor die stede van C.
    um 1350 MnlWB. IX 2849
unter Ausschluss der Schreibform(en):
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