Deutsches Rechtswörterbuch (DRW): Rücht

Rücht

, n., ahd. Ruft, m.


I Hilferuf, Gerücht (I); die Erhebung des Rüchtes bei einer Straftat gilt als Beginn der Klage und ist Voraussetzung für die Annahme einer handhaften (II) Tat; andererseits kann der vermeintliche Täter das Rücht schreien / rufen, um sich vom Tatverdacht zu reinigen; die Nichtbefolgung des Rüchtes auf Grund einer Notlage der Gemeinschaft (Feuer usw.) wird geahndet
bdv.: Ruf (I)
  • so spreke he vort: dar sach ik selve en selven, unde bescriede'ne mit deme rüchte; wil he's bekennen dat is me lif, unde ne bekant he's nicht, ik wille's ene bereden mit al dem rechte, dat me dat lantvolk irdelt
    1224/35 (Hs. 1369) SspLR. I 63 § 2
  • weret se [sve so unrechten wech sleit] dat pand weder recht, man bestedeget se mit deme rüchte; so muten se beteren dat rucht mit dren schillingen unde muten doch pandes recht dun
    1224/35 (Hs. 1369) SspLR. II 27 § 4
  • of sie volget vor en hus, drie dage solen sie dar bliven, manlik mit sines selves spise, binnen deme gerichte, die wile jene vore gat oder rit, die dat rüchte geschriet hevet
    1224/35 (Hs. 1369) SspLR. II 71 § 4
  • swelich man gewundet wirdet: schriet her daz ruocht vnde kůmet her vor gerichte: swellichen man her beklaget, die dar zů iegenwarde was, komet die vůre, dem mach her ein kamph apgewinnen
    1261 MagdebR. II 1 S. 4
  • so we beseten is, schal komen dar he en ruchte scryende horet
    1270 HambStR. 59
  • alle dejennenn, de dat ruchte [1279: den rop] horen vnd tho mate kamenn, de mogen denn missdedyger vorwinnenn, so sall he synen halss vorlesenn
    1294 RigaStR. 38
  • so wor en ruchte scut in ther stat, unde dhar ghescriget wert, unde komet dhe naghebure dhar nicht tho dhe dharbi beseten sin, unde scut it bi dher nacht, dhat scolen se beteren mit twen marken sulveres
    1303/08 BremRQ. 103
  • so vrage, wat he tu rechte wrugen scole. ic vinde tu rechte, gescriede ruchte unde blut wunden, getogen swert, unde we dar under sinen buren nicht ne sin
    um 1335 RichtstLR. 1 § 4
  • is dat de rad wat ghebuth eder dat sick eyn rochte irhebeth, also dat me to storme lůt, so scal eyn iowelk user borghere eder de mit uns wonet, mit sinen wapenen komen da de rad is
    vor 1340 GöttingenStat. 29
  • of men enne pandet, dar he to rechte nicht panden ne mach, de scal dat rochte ropen unde bewisen de stede den, de dar neyst sin
    1. Hälfte 14. Jh. GoslarStR. II 1 § 127
  • ropt en vrowe dat rochte, also se to rechte scal, over enen man, de se not toghet hebbe; wert de man mit rechte des vorwunnen, de man scal sin lip dar umme vorlesen
    1353 OsterwieckStB. 3
  • ok scholen alle gude lude, houeman, husman vnde borghere volghen dem ruchte mit enem schrichte
    1374 LübUB. IV 222
  • darvan ward eyn rochte, dat men de clocken sloch to dem rochte 
    1386 HildeshUB. II 383
  • worde en růchte edder en toyodute, id were nacht edder dach, dar schal malk tokomen mit sinen wapenen, vnd en iewelk borgher schal by deme anderen truwelken bliuen
    1401 LünebStR. 34
  • ift yd alzo queme van unghevelle dar got vore sy, dat eyn rochte worde van vures weghen, dat were dach edder nacht myt uns, dar schal eyn juwelik unser medewoner to komen, dat vur to lesschende
    1424/36 Stadthagen 63
  • [Übschr.:] van vures ruchte 
    1428 BremRQ. 174
  • worde ok by dage ein rochte, dat denne juwer ein jowelk gha up den torn, dar he up gheschigket sy, unde dar nicht wedder aff, gy enhoren, dat dat rochte gelegerd sy
    1438 HildeshUB. IV 226f.
  • offte en man antastede ene unberüchtede vrowen edder juncvrowen, dat bewislik were, unde se en ruchte makede, so schal he er beteren lx lüb. mk. unde deme richte lx mk.
    DithmLR. 1447(Eckh.) § 226
  • were ock forder, jemant mit einem openbaren ruͤchte der missedaet beslagen vnd beruͤchtet, de mach vnd schal sick sodanes ruͤchtes na inholde geistlikes rechtes vor deme praueste to Hamborch ... entleggen
    1471 DithmUB. 62
  • ok schall juwelk borger sinem naber, so deme ouerlast von eynem gaste, knechte edder anderßweme geschege, so he der gewolt eyn rochte repe, jn syner notsake tohulpe komenn
    1488 Braunschweig/Lasch,NdStB. 79
  • oft clockenslach edder eyne gemeyne ruchte worde, denne schall unde wil unser eyner mit der macht deme anderen uppe de jacht to troste, hulpe und tom besten komen
    1492 OstfriesUB. II 361
  • de man de met ruchte claget hefft, dat em syn swin thodreuen sy, dat muchte he met geruchte nicht clagen
    1518 Wasserschleben,RQ. 38
  • weret ok dat se den handadigern nicht volgedenn und neyne geruchte makeden [Marg.: vel sic schuldigenn folgenn mit eynem ruchte]
    Mitte 16. Jh. FlensburgWillk. 16
  • denn schall de, so unschuldich syn will, ein apenbaar ruchte makenn thom negsten dorpe
    Mitte 16. Jh. FlensburgWillk. 17
  • offte hier in der stad ein ruchte wörde, umme mord by nachttieden; so schall ein islick husetener mann tor stund eine luchten laten hengen vor siner döhre, unde ein ider schall volgen dem ruchte by 3. marck sülvers
    1563 Kiel/Westphalen,Mon. IV 3253
  • dat ruchte is de clage begyn
    oJ. SalzwedelUB. 20
II
bewaffnetes Aufgebot auf Grund eines Rüchts (I) 
  • des wetted, dat eyn meyne lantgherochte ward in dem stichte ... to dem rochte worde we gheladen van unses heren ammetluden
    1394 HildeshUB. II 472
III Gerücht, (üble) Nachrede
  • dat se scholen hebben ghebracht heren C.v.K. ... in eyn bose rochte 
    1324 GoslarUB. III 462
  • wert dat em [Handwerker] eyn quat ruchte naqueme, des schal he syk bonemen; weret dat he syk des nycht bonemen konde, so schal he des werkes nycht bosytten
    1353 Garz/Lasch,NdStB. 28
  • ift hyr jemand van unseme ampte wanderende queme, deme eyn ruchte volgede, den ensall nemand setten, sunderen he hebbe des syck entleddiget
    1430 LünebZftU. 149
  • so wy ... richteden over dejenne, de berochtiget weren, unde nemelken over de, de mit oren bekantnissen unbedwungen sodane rochte starkeden
    1448 HildeshUB. IV 582
  • ick sprecke up eene grote wedde, up eene schmale wedde, idt ginge an liggende gründe, stahnde arve, doden man, an rucht, an ehre, an blodtwunde
    Ende 16. Jh. NeumünsterKirchsp. 123
IV Ruf, Leumund
  • he [Ratmann] si uan godeme ruchte vnde van ener vrier moder gheboren
    1294 (lat. Vorlage von 1163) LübUB. I 6
  • so schal he [knecht] enen bref halen ..., dat he echte und vryg geboren sii unde dat sin handelinge unde ruchte gud unde reyne sii
    1375 HambZftRolle 97
  • clagebreve ..., dar ze inne gheroret hebben vele punten, de ghan an myn ruchte unde ere
    1414 OstfriesUB. I 198
  • wie stelt boven een olden schild, ... die heft zyn lyff verboert, ten sy dat hy jonger zy dan achtien jaeren ende eer ghien quaed ruchte van stelen gehat hebbe
    BolswardStB. 1455 Kap. 89
  • weret denne jemant in vnsem lande den sülften mit worden sine limpe, röchte vnd ere mit worden besmittigede ..., de schal dem darvor beteren söstich marck lüb.
    DithmLR. 1539 Art. 238 (S. 170)
  • wehere dat jemandt mit dem andern tho schelde worde queme, so datt he ohne an sin ruchte vnd ehre sprecke
    1581 HagenLR. 12
V Gerede, Gerücht
  • in gemeynem rochte 
    nach 1510 BrschwChr. III 84
VI Klage
  • unde enim forenses querimoniae? uuánnân chóment ánderes . dîe dínglichen chlága? únde dîe dínglichen rûoftâ?
    um 1000 Notker I 142, 21
VII lautes Rufen
  • thet is een riucht wapeldranch, ther werd worpen jn een onwed wetter, ther hi ne moghe hor mith handem ner mith fothem thine grund reka ner mith aeghnum thine himel syaen ner mith ara thine ruft hera [das ist Rechtens eine Wassertauche, wenn jemand in ein tiefes Wasser geworfen wird, in dem er weder mit Händen noch mit Füßen den Grund erreichen, noch mit den Augen den Himmel sehen, noch mit dem Ohre den Ruf hören kann] 
    13./14. Jh. (Hs. 1464) WesterlauwersR. I 550
unter Ausschluss der Schreibform(en):
unter Ausschluss der Schreibform(en):