Deutsches Rechtswörterbuch (DRW): Stab

Stab

, m.
I Stock, Stecken
  • 1 Amtsstab eines Richters (II); Richterstab 
    • a bei der Stabübergabe zur Amtseinsetzung des Richters (II), bei Rückforderung oder Niederlegung des Stabs zur Amtsaufgabe
    • b zum Zeichen der richterlichen Amtsausübung; der Richter hält den Stab während der Gerichtssitzung aufrecht in der Hand, legt ihn vor sich ab oder übergibt ihn einem Stabhalter (II) 
    • c bei richterlichen Ordnungsrufen
    • d bei der Stabweitergabe; zum Zeichen der Übergabe der Gerichtsgewalt an einen anderen Richter zB. bei Unzuständigkeit oder Befangenheit; ua. bei Abwesenheit des Richters übernimmt ein Schöffe Richterstab und Vorsitz im Gericht
    • e beim Ergreifen des Richterstabs durch andere; insb. bei der Eidablegung: an den Stab (ge-)loben unter Ergreifung des Stabs geloben; bei gerichtlichen Eigentumsübertragungen: mit Ergreifung des Stabs verzichtet der Veräußerer auf seine Rechte, der Erwerber erhält sie mit seiner Stabberührung; etw. an den Stab aufgeben/mit dem Stab einantworten gerichtlich übertragen
    • f bei Berührung von etw. mit dem Stab, zur Geltendmachung eines Anspruchs daran
    • g bei der Stabbrechung des Richterstabs oder eines wertlosen Ersatzstabs
    • h zur Legitimierung (II 1) einer anderen Gerichtsperson, va. des Gerichtsboten, falls dieser keinen eigenen Amtsstab führt (Abgrenzung gegen Stab I 2 nicht stets möglich), insb. bei 1Ladungen (I 1) und Pfändungen (I); den Stab gehen lassen zur Gerichtsversammlung laden; jm. das Stäblein schicken/senden jn. vor Gericht laden, zum Richter vorladen; Stab und Angriff erlauben gerichtliche Pfändung gestatten
    • i zur Kennzeichnung der Gerichtsstätte eines außerordentlichen Gerichts; sinnbildlich für den Richter
  • 2 Dienststab eines Gerichtsboten oder anderen Amtsinhabers (nicht stets sicher trennbar von Bed. I 1 h), auch eines gerichtlichen Vorsprechers; meton. die Amtsbefugnis, Amtsgeschäfte
  • 3 Zepter; vom Stab fallen (einem Herrscher) abtrünnig werden
  • 4 Amtsstab eines Bürgermeisters oder Vorstehers einer Landgemeinde; symbolisch für die Amtsperiode als Bürgermeister (Beleg 1581)
  • 5 Amtsstab eines höfischen Würdenträgers; den Stab führen das jeweilige Amt ausüben
  • 6 Amtsstab eines Herolds 
  • 7 Kommandostab eines milit. Anführers
  • 8 Zeremonialstab, an dem die Reichssiegel (I) hängen; bei der Verleihung des Erzkanzleramts und im Zeremoniell von Hoftagen 
  • 9 Krummstab, Stab eines geistl. Würdenträgers, insb. Bischofstab, Abtstab, auch als Abbild in einem Münz- oder Wappenbild (Belege zu Basel 1624, 1806); meton. der Geistliche selbst und sein Amt; des Stabs pflegen das Amt eines Bischofs oder Papsts innehaben; unter den Stab loben einer geistl. Institution den Gehorsamseid als Leibseigener ableisten (Beleg 1502)
  • 10 Stab des Vorstehers einer Zunft oder zunftähnlichen Genossenschaft; in Nachahmung des Richterstabs; unter js. Stab sitzen js. Gerichtsbarkeit (hier: der zünftischen) unterstehen; meton.: Zunftgericht
  • 11 Gesellenstab
  • 12 Hirtenstab; meton.: Hirte (Beleg 1429), Herde (Beleg 1716); gehirteter/behüteter Stab Herde unter der Aufsicht eines Hirten
  • 13 Pilgerstab; als Kennzeichen des unter bes. Frieden und rechtlichem Schutz stehenden Pilgers
  • 14 Bettelstab
  • 15 Gehstock, Krückstock; zum Beweis des Vollbesitzes seiner körperlichen Kraft und damit der uneingeschränkten Testierfähigkeit muss der Testator eine best. Strecke ohne Gehstock zurücklegen
  • 16 Schlagstock, auch als Angriffs- oder Abwehrwaffe; Kampfstock (auch mit Stiften oder anderen spitzen Fortsätzen besetzt), Knüppel; vereinzelt wie Stabschwert (Beleg 1477); Stab und Stange tragen können waffenfähig sein
  • 17 Messstab, auch das damit festgestellte Maß und die ortsspezifische normierte Maßeinheit
    • a zur Abmessung einer Länge; meton. die Maßeinheit; der Stadt Stab das städtische normierte Längenmaß; etwas in den Stab eichen etwas auf Normgröße bringen
    • b zum Ausmessen von Gefäßinhalten, Visierrute
    • c Kalibermaß für Geschützrohre und Geschosse
  • 18 (weißer) Stab zum Zeichen der Unterordnung bzw. Unterwerfung unter das Recht
    • a beim Stabtragen als Ehrenstrafe
    • b im Zeremoniell der jährlichen Erneuerung von Zollfreiheit oder Stapelrecht
    • c beim Einzug des Gerichtsherrn (I) 
    • d als Zeichen der militärischen Unterwerfung
    • e zum Ausdruck eines vollständigen vermögensrechtl. Verzichts, dh. des Abzugs ohne Sack und Pack (IV), bei der Räumung (VIII) (nach Kapitulation (II), Stadtverweisung wegen Zahlungsunfähigkeit ua.)
  • 19 (Weiden-)Rute, Gerte
  • 20 übtr.: zum Ausdruck einer selbständigen Haushaltung (I) 
II Gericht; beim/mit dem Stab unter Mitwirkung des Gerichts, gerichtlich, rechtskräftig; unter meines Herrn Stab vor dem Gericht meines Herrn; den Stab und Halm aufrichten ein Gericht einberufen; jn. vor den Stab nehmen jn. verklagen; von einem Pfand: hinter dem Stab liegen gerichtlich verwahrt sein; vom Stab zehren Verpflegungskosten aus der Gerichtskasse nehmen; den Stab versetzen (in Ermangelung von Pfand und Bürgen) gerichtlich geloben (Beleg 1615)
IV Richteramt (I); jm. den Stab befehlen/ansetzen, jn. in den Stab nehmen jm. das Richteramt übertragen; den Stab führen das Richteramt ausüben
V Gerichtsbarkeit, Jurisdiktion, (Befugnis zur) Rechtsprechung; gewaltiger Stab hohe Gerichtsbarkeit; unter js. Stab sitzen js. Gerichtsbarkeit unterstehen
VI Gerichts- und Verwaltungsbezirk, später auch: Oberamt (III 1); meton.: die darin ansässigen Gerichtspflichtigen; auch: die Verwaltungs- und Gerichtsbehörde für diesen Bezirk; unter dem Stab im Gerichtsbezirk
VII (huttragende) Stange, als Symbol für den abwesenden Gerichts- bzw. Grundherrn
VIII im afries. Gerichtsverfahren wegen Notzucht: eine von zwei Stangen, die am Gerichtsplatz aufgestellt werden; jede Stange steht für eine Sippe und die geschädigte Frau wählt ihre Sippenzugehörigkeit durch Hinzutreten
IX Eisenstange, Stabeisen 
X Daube, (gebogenes) Seitenbrett für die Herstellung von Fässern ua. Holzgefäßen; auch: das amtliche Normmaß für Fassdauben
XI eine Anzahl zwischen 6 und 9 (bezogen auf Lastpferde)
XII Gremium befehlshabender Offiziere einer Armee oder eines Regiments (V); kleiner Stab Gruppe von rangniedrigeren Militärangehörigen
XIII Buchstabe, Brief, schriftliche Nachricht
XIV Eidesformel, 2gestabter (I) Eid